Veröffentlicht in Allgemein, Narzissten

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung aus psychotherapeutischer Sicht

Gastbeitrag von Dr. hum. biol. Michael Petery Untitled 1

Dr. Michael Petery studierte in Tübingen, Paris und Berlin. Bis 2014 war er am Universitätsklinikum in München-Großhadern tätig als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Palliativmedizin und der Professur für Spiritual Care bei Prof. Dr. Eckhard Frick (Psychiatrie) und Prof. Dr. Traugott Roser (ev. Theologie). Seine Beiträge zur Sexualtherapie veröffentlicht er regelmäßig in seinem Blog www.sexualtherapie.online. Seine KlientInnen betreut er online, per Telefon oder persönlich in seiner Praxis für Psychotherapie (gemäß Heilpraktikergesetz) in Hildburghausen bei Coburg.

Liebe Leserinnen und Leser des himmelundhoelleblog,

es freut mich, Ihnen in meinem Gastbeitrag einige Informationen zum Thema Narzisstische Persönlichkeitsstörung vorzustellen.

Narzisstische Persönlichkeitstörung-
Warnung vor Laiendiagnosen

Dabei muss ich gleich zu Anfang eine Warnung voranstellen: Mein Beitrag soll nicht dazu ermutigen, bei anderen Menschen eine psychiatrische Diagnose zu stellen.

Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung kann nur durch einen Psychiater oder einen erfahrenen Psychotherapeuten festgestellt werden. Laien und insbesondere Partner, Familienmitglieder und enge Freunde sind grundsätzlich nicht die Richtigen, um eine solche Diagnose abzugeben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die selbst im Beziehungsgeflecht beteiligt sind, Fehldiagnosen abgeben, ist sehr hoch.

Im Extremfall kann eine mitgeteilte Diagnose Menschen in akute Suizidgefahr bringen. Daher wird ein erfahrender Therapeut sich hüten, eigene Verdachtsdiagnosen auszusprechen, bevor er nicht Konzepte gefunden hat, wie der Patient mit den möglichen Folgen der mitgeteilten Diagnose umgehen kann.

Wenn Sie vermuten, Sie selbst oder Ihr Partner könnten an einer Persönlichkeitsstörung oder einer anderen psychischen Erkrankung leiden, sollten Sie sich unbedingt durch einen Therapeuten oder Arzt beraten lassen.

Persönlichkeitsstörungen als Aufgabe der Sexualtherapie

Persönlichkeitsstörungen sind als Krankheitsbild in der Öffentlichkeit weithin unbekannt. Und das, obwohl die Ergebnisse verschiedener wissenschaftlicher Studien darauf hinweisen, dass etwa 10% der Bevölkerung in Deutschland an einer Persönlichkeitsstörung leiden. Dazu kommen noch weitere Menschen, die zwar das Vollbild einer Persönlichkeitsstörung nicht erfüllen, aber dennoch einen großen Teil der Diagnosekriterien erfüllen (sogenannte Persönlichkeitsakzentuierung).

Im Rahmen der Paartherapie bedeutet das: rein statistisch gesehen, ist in jeder fünften Beziehung einer der Partner betroffen. Bei Paaren, bei denen Partnerschaftsprobleme bestehen, liegt der Prozentsatz sicherlich noch höher.

Natürlich heißt das nicht, dass in jeder Paarbeziehung, in der es Probleme gibt, einer oder beide Partner automatisch eine psychische Störung haben müssen. Es bedeutet aber, dass in jeder Therapie mit dem Vorhandensein solcher Störungen zu rechnen ist. Die praktische Konsequenz daraus: Häufig haben Probleme in der Partnerschaft sehr viel weniger mit der Partnerschaft selbst zu tun, als das auf den ersten Blick scheinen mag.

Persönlichkeitsstörungen- was bedeutet das?

Das Diagnosemanuals DSM-5 der Vereinigung amerikanischer Psychiater definiert die Persönlichkeitsstörungen durch folgende Kriterien:

  • Deutliche Beeinträchtigungen der Funktionsfähigkeit des Selbst (Identität oder Selbststeuerung) und der zwischenmenschlichen Kommunikation (Einfühlungsvermögen, Nähe).

  • Auftreten von krankhaften Persönlichkeitszügen in einem oder mehreren Bereichen.

  • Die Beeinträchtigungen sind ein dauerhaftes Muster, über lange Zeit hin stabil, und treten ähnlich in unterschiedlichen Situationen auf.

  • Die Beeinträchtigungen können nicht allein durch den Entwicklungsstand des Betroffenen oder durch sein soziokulturelles Umfeld erklärt werden.

  • Die Beeinträchtigungen können nicht durch die Einnahme von Drogen, Medikamenten oder sonstige medizinische Schädigungen (z.B. Hirnverletzung) erklärt werden.

  • Die Beeinträchtigungen können nicht durch den Entwicklungsstand des Betroffenen oder durch sein soziokulturelles Umfeld erklärt werden.

Persönlichkeitsstörungen- Konsequenzen in der Paartherapie

Nach den neuesten Erkenntnissen der Psychologie werden Persönlichkeitsstörungen nicht -wie noch bis zur Jahrtausendwende- als tief greifende Störungen der Gesamtpersönlichkeit verstanden, sondern als Störungen der Interaktion und der Beziehungsgestaltung. Bei Paaren, in denen ein Partner an einer „Persönlichkeitsstörung“ leidet, sind die Beziehungsprobleme sozusagen vorprogrammiert.

Als therapeutische Konsequenz ergibt sich daraus:

Bei Paartherapien ist eine sorgfältige Diagnose erforderlich, um festzustellen, ob die gemeinsamen Probleme durch das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung bei einem der Partner (oder auch bei beiden) mitbedingt sein kann.

Bei Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung ist der Fokus der Therapie nicht nur auf die jeweils konkret vorliegenden Probleme zu setzen, sondern darauf, dass beide Partner den Wirkmechanismus der gestörten Beziehungsgestaltung verstehen und Strategien erlernen, damit umzugehen.

Eine Therapie kann den Leidensdruck, der durch eine Persönlichkeitsstörung innerhalb einer Partnerschaft verursacht wird, erheblich reduzieren. Dabei geht es vor allem auch um die Verbesserung der Lage des Partners, der selbst keine Persönlichkeitsstörung hat, indem er lernt,


1. nicht jede Reaktion des anderen auf sich zu beziehen,
2. mit gestörten Verhaltensmustern so umzugehen, das sie ihn selbst nicht belasten und
3. dafür zu sorgen, dass die eigenen Bedürfnisse innerhalb der Partnerschaft nicht zu kurz kommen.

Die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung kann im Rahmen einer Partnerschaft eine große Entlastung bedeuten: etwa dann, wenn durch eine solche Erkenntnis andauernde wechselseitige Schuldzuschreibungen der Partner wegfallen und die Erklärung der Schwierigkeiten im Krankheitsbild selbst gesehen werden kann.

Narzisstische Persönlichkeitstörung- Besonderheiten

Nach dem Krankheitenkatalog der Weltgesundheitsorganisation ICD-10 (F60.8 und Anhang 1) müssen für die Diagnose einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung neben den allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung mindestens fünf der folgenden Zusatzkriterien erfüllt sein:

  1. Überzeugung, selbst besonders wichtig zu sein: Übertreibung der eigenen Fähigkeiten ohne Vorliegen tatsächlicher Leistungen

  2. Fantasien von grenzenlosem Erfolg, Macht, Schönheit oder erotischer Ausstrahlung

  3. hält sich für einzigartig und glaubt, nur von anderen „besonderen“ oder hochgestellten Persönlichkeiten verstanden zu werden

  4. benötigt exzessive Bewunderung

  5. Anspruchsdenken: erwartet überall bevorzugte Behandlung

  6. benutzt andere Menschen rücksichtslos, um eigene Ziele zu erreichen

  7. mangelndes Einfühlungsvermögen für Gefühle und Bedürfnisse anderer

  8. ist selbst oft neidisch oder glaubt, beneidet zu werden

  9. arrogante, hochmütige Verhaltensweisen

Narzisstische Persönlichkeitstörung-
die grundlegenden Selbst-Schemata

Wie bei allen Persönlichkeitsstörungen legt sich die Vermutung nahe, dass eine so gravierende Störung bereits in der Kindheit ihren Anfang genommen hat. Zugrunde liegen zwei getrennte Schemata über die eigene Person, die sich durch entsprechende frühkindliche Erfahrungen gleichzeitig fest eingeprägt haben.

Das ist zum einen ein negatives Selbstschema, begründet in Erfahrungen wie: „Es gibt niemanden, der mich auf dieser Welt liebt und wertschätzt.“, „Egal wie sehr ich mich anstrenge, es gelingt mir sowieso nichts.“, „So wie ich bin, bin ich einfach nicht genug.“ Solche Selbstsicht kann durch ein Elternhaus ausgelöst sein, in dem es an Wärme und Zuwendung für das Kind gefehlt hat.

Zum zweiten und parallel dazu entwickelt sich bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung aber noch ein zweites Selbstschema, das sich aus genau umgekehrten Selbstansichten zusammensetzt: „Ich bin besser als die meisten anderen auf dieser Welt.“, „Ich kann es schaffen, bewundert und erfolgreich zu werden.“, „Ich verdiene besondere Beachtung und Hochschätzung durch die Menschen um mich herum.“

Grundlage für die Herausbildung eines solchen Doppel-Schemas kann ein Elternhaus sein, in dem es zwar einerseits an Wärme und Zuneigung fehlt, dem Kind aber gleichzeitig und wie zum Ersatz gesagt wird: „Unsere Familie ist etwas Besseres, und auch du selbst.“, „Du wirst es mit deinen Möglichkeiten noch sehr weit bringen im Leben.“

Ein wirklicher Trost für die emotionale Unterversorgung ist das natürlich nicht- die angebliche Großartigkeit kann aber für das Kind zum emotionalen Anker werden, um die Lücken in der tatsächlichen Wertschätzung und Liebe zu verdrängen. Die Psychologin Alice Miller hat solches elterliches Verhalten eindringlich beschrieben mit dem Satz „Du sollst nicht merken!“- nämlich das, was dir in deiner Kindheit angetan wurde.

So perfekt dieses Tarnsystem emotionaler Vernachlässigung funktioniert (so dass die betroffene Person selbst es kaum jemals durchschauen kann), so wenig kann es gelingen, die beiden gleichzeitig erlernten Grundschemata tatsächlich miteinander in Einklang zu bringen.

Gerade weil die beiden Teil-Schemata inhaltlich nicht miteinander kompatibel sind, kann es bei einem Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung immer wieder zu plötzlichen Stimmungsumschwüngen kommen. Geringfügige kritische Bemerkungen können einen solchen Menschen, der eben noch vollkommen optimistisch und zupackend auftrat, zutiefst verunsichern.
Im Grunde genommen weiß ein solcher Mensch weder, was Liebe und Zuneigung bedeuten, noch was ein wirklicher Erfolg ist, auf den er stolz sein kann.

Tatsächliche eigene berufliche Errungenschaften werden von ihm letztlich nicht wahrgenommen, genauso wenig wie Menschen, die ihm mit tatsächlicher Liebe und Zuneigung begegnen. Das einzige, was zählen würde, wäre das Erreichen der von den Eltern verheißenen Ideale, die aber in der Wirklichkeit aber niemals erreicht werden können.

Weil diese Ideale das einzige sind, an die sich ein solcher Mensch in seiner Kindheit klammern konnte, ist es nahezu unmöglich, ihn in einer Therapie dazu zu bewegen, von solcher Selbstüberhöhung Abstand zu nehmen- die (oft nicht einmal bewusste) Angst vor dem Sturz ins Bodenlose sitzt viel zu tief.

Umgangsstrategien: Die guten Seiten akzeptieren und für sich selber sorgen

Wenn ein Partner in einer Beziehung eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, bedeutet das für den/die andere/n:

  • Es ist sehr schwierig, das Verhalten des kranken Partners ändern zu wollen. Wenn überhaupt, müsste der Wunsch nach einer Veränderung von ihm selbst ausgehen, um Erfolg zu haben. Ohne Veränderung ist es allerdings aus therapeutischer Sicht fraglich, ob die Beziehung auf Dauer überhaupt funktionieren kann.

  • Möglicherweise sieht die Gesamtbilanz der Beziehung in vielen Fällen aber gar nicht so schlecht aus: Ein Mensch mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung kann in der Öffentlichkeit durchaus charmant und großzügig auftreten und der/die Partner/in kann davon auch profitieren.

  • Die einfachste Umgangsstrategie ist es daher, einen Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung so zu akzeptieren, wie er eben ist, und sich immer wieder klar zu machen, dass unangenehme Verhaltensweisen eines solchen Partners nur wenig mit der Beziehung oder der eigenen Person zu tun haben.

  • Viele Menschen (insbesondere Männer) mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung erzählen ihrem Partner/ihrer Partnerin Fremdgeh-Geschichten. Sie wollen den Partner/die Partnerin in den allermeisten Fällen nicht persönlich verletzen: Vielmehr geht es einem solchen Mann darum, sich selbst und der Partnerin immer wieder zu beweisen, wie potent er ist. Die Gefühle der Partnerin spielen da kaum eine Rolle. Das kann zu tiefgreifenden Verletzungen führen, die ein Fortbestehen der Partnerschaft unmöglich machen.

  • Wer dauerhaft mit einem Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung zusammenbleiben möchte, sollte vor allem selbst auf seine eigenen Bedürfnisse achten- schließlich der Partner durch seine Erkrankung kaum dazu in der Lage, persönliche Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen zu erkennen.

In leichteren Fällen ist ein gesunder Schuss Egoismus -verbunden mit der Fähigkeit, selbst die guten Seiten des gemeinsamen Lebens genießen zu können – vermutlich die beste Strategie, mit einem Menschen zusammenzuleben, der eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. In schwereren Fällen bleibt oft nur die Trennung als Lösung, damit der Partner/die Partnerin nicht selbst dauerhaft psychischen Schaden erleidet.

Wenn Sie zu diesem Thema weitere Fragen haben, besuchen Sie doch meinen Blog: www.sexualtherapie.online. Oder Sie schicken mir eine Nachricht an michael@petery.eu.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Dr. hum.biol. Michael Petery

Advertisements